Hitler beim Rasieren

Nikolaos Gyzis - The barber (Quelle: Wikiart)

„Anne, komm rein! Willst Du einen Tee?“

„Ja, wenn wir noch nicht gleich fahren wollen, gerne.“

„Ja, Manfred ist noch im Bad. Er wollte sich noch rasieren. Meine Eltern wollten ja nachher auch kommen. Da ist ihm das lieber.“

„Na, er macht sich wohl nur noch für Deine Eltern schick.“

„Nein, sooo ist es ja auch nicht…“ Nina nahm ihr den Mantel ab.

Sie hatten sich gerade hingesetzt und sich eine Tasse warmen Tees eingegossen, als sie Geräusche aus dem Bad hörten. Es war wie ein Rumoren, dann folgte ein Rumpeln.

Anne hob ihre Augenbrauen, doch Nina wiegelte ab. Sie kehrten schnell zu ihrem Gespräch zurück, doch lange ließen sich die folgenden Geräusche aus dem Bad nicht ignorieren. Vor allem nicht, als sich plötzlich darunter ein Brüllen mischte.

„Nina, willst Du nicht…?“

„NACH DEM VERLORENEN KRIEG IST DERR DOITSCHE BARRT WIEDER AUFERSTANDEN!“ schallte es schließlich durch die ganze Wohnung.

Nina seufzte und setzte ihre Tasse ab. „Das ist nichts! Es ist nur…“

„NIEMALS WERRDEN WIR NACHGEBEN, DENN DAS RRECHT STEHT AUF UNSERRERR SEITE. DERR FRREIE DOITSCHE BARRT IST UNSERR HEILIGES ZIEL!“

Annes Gesichtsausdruck hatte inzwischen eine leichte Bläße angenommen.

„Manfred rasiert sich nur. Das passiert jedem Mann beim Rasieren. Es ist unvermeindlich, dass jeder Mann da kurz zum…“

„WIRR HABEN DAS RRECHT UNS ZU VERTEIDIGEN UND WIRR WERRDEN UNS VERRTEIDIGEN. BIS ZUM LETZTEN HAARR!“

„…zum Hitler wird,“ beendete Nina den Satz.

„Wie? Ich verstehe nicht ganz?“

„Na, wenn er sich rasiert und dann der Oberlippenbart…“

Im Bad polterte es. Dann folgte ein Geräusche wie das Rasseln von Ketten, schließlich ein beunruhigendes Knirschen wie ein sich wendender Panzer. „IN RREIH UND GLIED STEHT DAS DOITSCHE HAARR, UM FÜR DEN HEILIGEN BARRT ZU KÄMPFEN. WIRR WERRDEN…“

Nina sprang auf. „Entschuldige mich!“ Sie machte zwei Schritte zur Tür, als ob sie es nicht eilig hätte, dann sah Anne, wie Nina doch zur Badtür stürzte.

Es folgte ein Schrei. „DER HEILIGE DOITSCHE BARRT WIRRD NIEMALS…

„JETZT GIB MIR ENDLICH DEN RASIERER!“

„NEIN! DAS DOITSCHE WEIB HAT ZU GEHORCHEN!“

Wieder folgte Gerumpel, das Knirschen von Holz, das Purzeln von Verpackungen, das Spritzen von Wasser.

„NEEEEIN!“

Dann war Stille.

Nina kam zurück, strich sich das Haar zurecht und setzte sich wieder.

Anne sah sie fragend mit offenem Mund an, aber Nina winkte nur mit der Hand, während sie wieder ihre Tasse aufnahm. „Der kleine Faschist im deutschen Mann ist schon wieder verschwunden,“ sagte sie nur und schlürfte eine Schluck ihres heißen Tees.

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