Vergessliche Weihnachten Teil 4

Charles M. Russell - Seeing Santa Claus (Detail) (Quelle: Wikiart)

„Also, wer könnte denn mit Annie und einem Schlitten von Dach zu Dach gereist sein?“ fragte Vater.

„Weihnachtsmann,“ rief Sophia begeistert.

„Sophia, bitte stör‘ Papa nicht beim Denken,“ ermahnte sie Mutter. „Er gibt sich wirklich Mühe.“

Derweil blätterten Leilah und Annie gemeinsam das Telefonbuch durch.

Das Rentier nahm eine weitere Seite zwischen ihre Lippen, riss sie aus, kaute darauf herum und spuckte sie aus. „Das ist es nicht,“ meinte sie.

„Annie, so sucht man doch nicht in einem Telefonbuch,“ bemerkte Leilah.

„Nicht?“

„Nein. Können Rentiere überhaupt lesen?“

„Ich weiß nicht. Muß man beim Lesen nicht auf der Seite herumkauen?“

„Nein. Lass mich mal.“ Annie nahm das Telefonbuch an sich und blätterte weiter, während das Rentier ihr beim Lesen zusah und dabei beeindruckt über Leilahs Fähigkeiten nickte.

Inzwischen griff Vater zu einem weiteren Glas Rotwein. „Ich habe schon Kopfschmerzen vom ganzen Denken,“ meinte er resigniert.

„Hier! Ich habe es,“ rief Leilah in diesem Moment aus. „Hier steht es.“ Stolz legt sie das Telefonbuch auf den Tisch.

„Was steht da?“ fragte Annie neugierig.

„Da steht…“ Leilah legte bedeutungsvoll ihren Finger auf die Anzeige im Telefonbuch. „W. Mann, Transportunternehmer. Mit dem Schlitten von Dach zu Dach.

„Weihnachtsmann!“ rief Sophia.

W. Mann nicht Weihnachtsmann,“ korrigierte sie Mutter. „Na, dann laßt ihn uns doch einfach mal anrufen und fragen ob er ein Rentier vermisst.“

Vater griff sofort nach dem Telefon, doch bekam es nicht zu fassen. Er war kurz davor sich im Telefonkabel zu verheddern bis Mutter das Telefon an sich nahm und den Anruf tätigte.

„Und?“ fragte Leilah nachdem Mutter den Hörer wieder aufgelegt hatte.

„Er kommt vorbei,“ sagte Mutter und schon klingelte es an der Tür. Alle waren sehr überrascht.

Davor stand ein Mann mit einem dicken Bauch und einem weißen Rauschebart, der eine dunkle Sonnenbrille trug. „Hohoho, wo ist denn das Rentier?“ fragte er.

„Weihnachtsmann,“ rief Sophia aus.

Der Mann zuckte zusammen. „Nein, bestimmt nicht. Ich bin Transportunternehmer. Genau, Transportunternehmer.“ Er hustete. Dann sah er sich schnell um und entdeckte Annie. „Ah, Rentier 35427. Sehr gut. Vielen Dank fürs Einfangen. 35427, wir gehen!“

„Was sagen sie?“ fragte Leilah entsetzt. „Von wem reden Sie? Das ist Annie, nicht irgendeine Zahl!“

Annie, die schon drauf und dran gewesen war dem Mann zu folgen, blieb plötzlich stehen, dachte kurz nach, sah dann den Mann an und nickte bestimmt: „Genau!“

„35427, Du hast mir schon genug Probleme gemacht. Ich kann keine weitere Zeit mehr verlieren.“

„Wofür brauchen Sie Annie denn so dringend?“ fragte Leilah besorgt.

„Brauchen? Hohohoho…“ lachte der Mann. „Ich brauche 35427 nicht mehr. Ich war gerade dabei sie notzuschlachten, als sie mit entwischt ist.“

„Notschlachten?“ rief Annie entsetzt aus und sprang hinter das Sofa.

„Jetzt mach‘ es nicht komplizierter als es ist, 35427! Du weißt was zu dieser Jahreszeit los ist. Alles ist genau getaktet und Du kannst einfach nicht mehr mithalten. Notschlachtung ist wirklich das humanste…“

„Moment, sie… also sie…“ Vater wankte in die Richtung des Mannes. „Also das geht doch garnicht…“

„Ich kann darauf wirklich keine Zeit mehr verschwenden. Wir erledigen das gleich hier. Dann fällt für Sie auch ein Feiertagsbraten ab, abgemacht?,“ sagte der Mann und zog eine Schrotflinte aus seinem Mantel hervor. „Rentier ist lecker.“

Annie schrie vor Panik und versuchte sich noch tiefer hinter dem Sofa zu verstecken, wobei ihr Hinterteil weit über die Lehne hinausguckte.

„Also, ich…“

„Nein!“ rief Leilah und stürzte sich auf den Mann.

Vater, der inzwischen den Mann fast erreicht hatte, verlor plötzlich das Gleichgewicht und fiel ebenfalls auf den Mann.

„Leilah! Gerhard!“ rief Mutter und sprang hinzu, um ihre Tochter und ihrer Ehemann vor dem bewaffneten Transportunternehmer zu beschützen.

In diesem Moment fiel ein Schuss.

„Ich bin tot! Ich bin tot!“ rief Annie verzweifelt aus und fing dann heftig zu schluchzen an. „Tschüss, Leilah! Tschüss, Sophia! Es war nett mit Euch.“

„Wenn Du tot wärst, könntest Du nicht reden, Annie,“ ermahnte sie Leilah während sie vom Boden aufstand.

„Naja, sie ist nicht tot, aber ich befürchte er…“ sagte Mutter, während sie ihrem Mann auf die Beine half, der immer noch in Schockstarre auf den Transportunternehmer guckte, der mit einer Schußwunde auf dem Boden lag.

„Weihnachtsmann?“ fragte Sophia mit leiser Stimme.

Wird fortgesetzt…

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