Überall Windräder

Vincent van Gogh - The windmill at La Gallette (Quelle: Wikiart)

„Es geht hier um unsere Kultur!“ rief der Mann entrüstet aus.

Der städtische Angestellte, der ihm am Kaffeetisch gegenüber saß, erschrak. „Aber wir reden hier immer noch über die Windräder, Herr Burschereit?“ fragte er sicherheitshalber nach.

„Natürlich! Sie sind ein Angriff auf unsere Heimat. Auf unsere Traditionen. Früher – gab – es – hier – sowas – nicht!“

„Hmm-hmm.“ Der Beamte trug etwas in dem Bündel Formulare ein, dass wirr aus seinem Schoß saß.

„Die bloße Vorstellung, dass jetzt hier bei uns diese Windräder… Nein, wirklich nicht. Man muß nicht alles hinnehmen.“ Herr Burschereit atmete tief aus. „Die stehen dort ja nicht einfach so. Die Windräder. Die wurden dort hingestellt, um uns zu treffen. Das ist ein Angriff. Jawohl, ein Angriff.“

Der Beamte nickte nur und trug weiter fleißig in seinen Unterlagen ein. „Aber… Aber die Windräder sind schon 10 Kilometer von ihrem Haus entfernt.“

Herr Burschereit schnaubte verächtlich. „Wissen Sie was? Wir können sie sehen. Jeden Tag!“

Sein Gegenüber sah verblüfft auf. „Von ihrem Haus?“

„Von unserem Haus! Ich zeige es ihnen.“

Wenig später standen sie auf einem wenig vertrauenswürdig wirkenden Dachbalkon.

„Meine Frau bringt uns gleich das Fernglas,“ erklärte Herr Burschereit, während er wütend auf den Wald vor seinem Haus starrte. „Wissen Sie, wir haben ja gar kein Fernglas gehabt. Das ist ja nur was für Spanner und solches Gesocks. Aber dann hat uns ein Nachbar erzählt, dass auch wir die Windräder sehen können.“ Herr Burschereit tippte bestimmt auf die Balkonbalustrade.

„Ah ja…“ Der Beamte kämpfte mit den ganzen Formularen in seinen Händen, die in der Zugluft wegzufliegen drohten.

„Hier ist das Fernglas, Schatz,“ sagte Frau Burschereit als sie auch noch auf den Balkon trat.

Es wurde nun ziemlich eng dort und der Beamte schielte auf den Boden unter sich, als ob er erwartete, dass dieser Vorbau nun jeden Moment unter ihm zusammenbrechen könnte.

„Hier!“ Herr Burschereit hielt dem Beamten das Fernglas hin. Dieser nahm es in die Hand, wurde aber immer noch durch seine Papier behindert, was Herrn Burschereit aber nicht weiter aufhielt. „Wenn Sie sich hier an der Stange festhalten. Und dann so über den Balkon hinauslehnen. Sehen Sie, so wie ich, ja? Dann können Sie dort zwischen der Erle und der Birke das obere Ende eines der Rotoren eines der Windräder ausmachen.“

„Ach…“ Der Beamte blinzelte, dann entschied er sich das Manöver nicht mit den Papieren in seinen Armen durchzuführen. Stattdessen händigte er einfach Herrn Burschereit das Fernglas wieder aus, der das aber mit Befriedigung eines Mannes zur Kenntnis nahm, der sich der Zustimmung seines Gegenübers sicher war.

„Jedes Mal, wenn wir hier auf dem Balkon sitzen müssen wir das jetzt sehen…“ schnaubte Frau Burschereit verächtlich.

„Nutzen Sie den Balkon denn oft?“ fragte der Beamte.

„Nein, wir haben ja eine Terasse. Aber jetzt können wir den Balkon ja garnicht mehr verwenden,“ antwortete Herr Burschereit. „Die Windräder machen uns all das kaputt. Unseren Balkon, unser Haus, unsere Heimat. Wer kann denn noch in Ruhe leben, wo wir jetzt wissen, dass da jenseits des Waldes Windräder stehen?“

„Mir wird ganz schlecht wenn ich daran denke,“ sagte Frau Burschereit.

„Sehen Sie! Die machen auch die Gesundheit meiner Frau kaputt. Den ganzen Tag lang muß sie es ertragen, dass es dort diese Windräder gibt… Also unternehmen Sie jetzt endlich etwas dagegen!“

Der Beamte lächelte etwas verlegen. „Ich bin nur hier um eine Umfrage zu machen, entscheiden kann ich leider nichts.“

„Können? Oder wollen?“ Herr Burschereit sah den Mann scharf an.

„Ich kann…“ Der Beamte schluckte. Dann raffte er seine Papiere zusammen und flüchtete Richtung Tür. „Ich muß jetzt leider los. Sie werden meinen Bericht…“ Der Rest seiner Ausführungen verhalten, während er – Dokumente verlierend – aus dem Haus stürzte. Ein „Auf Wiedersehen!“ ließ sich noch ausmachen, bevor er ganz verschwand.

Frau Burschereit lehnte sich zu ihrem Mann hinüber: „Was denkst Du? Der steckt doch mit den Windrädern unter einer Decke.“

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