Opa Burschi und die Angst vor dem Tod

Caspar David Friedrich - Landscape with grave, coffin, owl (Quelle: Wikmedia Commons)

Eigentlich war sein Name Burkhard. Der Name Burschi hatte seinen Ursprung in irgendeinem längst vergessenen Ereignis in seiner Jugend und hing ihm sein Leben lang an. Soweit ich mich zurückerinnern kann, hatte er für mich nie einen anderen Namen.

Genausowenig kannte ich ihn ohne den ständigen Zwist mit meinem Vater. Mir war unklar, was zwischen den beiden vorgefallen war, doch mein Vater hatte nie ein gutes Verhältnis zu seinem Vater. Bereits während meiner Kindheit begannen sich die Besuche bei meinem Großvater auf das familiäre Mindestmaß zu reduzieren. Vor allem nach dem Tod meiner Großmutter sah ich Opa Burschi bestenfalls noch an Weihnachten oder an einem Geburtstag. Doch selbst als Kind konnte ich den sprachlosen Konflikt zwischen meinem Vater und meinem Großvater deutlich wahrnehmen. Selten wechselten sie mehr als ein paar Worte miteinander, selbst wenn meine Mutter versuchte die unangenehme Stille im Raum zu überbrücken.

Im Laufe der Zeit wurden die Kontakte mit ihm noch spärlicher. Mein Vater mied ihn und das bedeutete für uns – seine Kinder – dass auch für uns kaum eine Möglichkeit für eine Begegnung bestand. Wenn es dann doch einmal passiert, dann war ich meistens eher erstaunt, dass dieser merkwürdige alte Mann irgendwie mit mir verwandt sein sollte.

Dennoch erinnere ich mich noch genau, dass ich ihn an meinem achtzehnten Geburtstag traf – beim familiären Teil der Feier -, wo er mir gegenüberstand und ich von ihm ein Geschenk erwartete. Stattdessen packte er meinen Arm, sah mich mit seinen tiefliegenden Augen durchdringend an und fragte: „Hast Du Angst vor dem Tod?“ Ich weiß nicht mehr, was ich erwiderte, aber sein Blick, seine Stimme, der starke, schraubzwingenartige Griff seiner Hand um meinen Arm und die ganze Merkwürdigkeit der Situation brannte sich in mein Gedächtnis ein, obwohl ich ihn danach mehrere Jahre quasi garnicht mehr sehen sollte. 
Doch erst viel später sollte ich ihren Kontext verstehen.

Als ich Anfang zwanzig war starb mein Vater. Er war auf dem Weg zu einem seiner Klienten gewesen, um diese oder jene Steuersache zu klären oder Papiere abzuholen, als ein Auto mit voller Geschwindigkeit von der Seite in seines hineinfuhr, es über den Mittelstreifen schob, wo es von einem LKW erfaßt wurde. Es gibt nur wenig Zweifel daran, dass mein Vater davon kaum etwas mitbekam.

So sah ich Opa Burschi bei der Beerdigung seines eigenen Sohnes – meines Vater – wieder. Er war noch hagerer und dürrer geworden. Wie meine Mutter mir verriet, wohnte er inzwischen in einem Altenheim. Als er kondolierte, blickte er mich wieder an und plötzlich stieg in mir ein überwältigendes Gefühl des Déjà-Vu auf, dass darin seinen Höhepunkt fand, dass er mich tatsächlich wieder fragte: „Hast Du Angst vor dem Tod, Junge?“ Ich lachte nervös auf. Meine geistige Verfassung war nicht die beste und es schien mir so absurd bei der Beerdigung meines Vater nach der Angst vor dem Tod gefragt zu werden.

Mein Mutter – gerade in diesen Moment ganz auf das Pragmatische fixiert – intervenierte und sorgte dafür, dass Opa Burschi kurz darauf zurück ins Altenheim gebracht wurde.

Während wir gemeinsam in den darauffolgenden Wochen die Sachen meines Vaters zusammenräumten, fiel es an mich die Garage auszuräumen, die sich im Laufe der Jahre mit seinen Skulpturen gefüllt hatte. Natürlich hatte ich schon immer gewußt, dass mein Vater eigentlich Kunst studiert und eine Karriere als Bildhauer angestrebt hatte. Alle paar Wochenenden hatte er in der Garage gewerkelt und nun stand ich dort zwischen all den begonnenen, unvollendeten Skulpturen und fragte mich plötzlich, ob es das gewesen war, was Opa Burschi gemeint hatte: Die Unfähigkeit meines Vaters etwas zu vollenden, der keine Angst vor dem Tod hatte.

Der Gedanke ließ mich nicht los und die Gelegenheit schien mir günstig wieder Kontakt mit meinem entfremdeten Großvater aufzunehmen. Ich besuchte ihn im Altenheim.

Es war eine merkwürdige Situation. Er war die meiste Zeit stumm. Er ließ mich erzählen bis mir die Gesprächsthemen ausgingen. Nach einer langen Pause, wo wir beide auf den unbequemen Stühlen des Altenheimcafés saßen und draußen den Enten auf dem Teich zusahen, stellte er mir wieder seine Frage: „Hast Du Angst vor dem Tod?“

Ich entgegnete diesmal seinen Blick. „Meinst Du, weil Vater nichts zuende gebracht hat? Weil die Angst vor dem Tod uns antreibt unsere Dinge in Ordnung zu halten und die Chancen zu ergreifen, die sich uns bieten?“ fragte ich zurück.

Er sah mich an, dann sah er beiseite und war wieder stumm. Seine Reaktion verwirrte mich. Hatte ich seine Frage beantwortet? War er zufrieden mit dem was er gehört hatte?

Wahrscheinlich war es diese Verwirrung, die mich dazu brachte nun öfter bei ihm vorbeizugehen und umso öfter ich bei ihm war, umso bizarrer war das Verhalten dessen Zeuge ich wurde. Abgesehen davon, dass er sich irgendwann entblößt hätte blieb mir kaum etwas erspart, wobei sich als einzige Konstanz durch sein Handeln die Frage nach der Angst vor dem Tod zog. Er stellte sie an Kellner, Altenpflegerinnen, Ärzte oder irgendwelche verschreckten Gäste des Altenheims. Einmal lag er auf dem Boden vor einem Hund und fragte ihn, ob er Angst vor dem Tod hätte.

„Fortgeschrittene Demenz,“ erklärte einer der Ärzte sachlich, als ich ihn – längst erschöpft von den vielen fehlgeschlagenen Versuchen zu Opa Burschi durchzudringen – darauf ansprach. „Er gehört eben nicht zu jenen, die dieses Leiden still hinnehmen. Natürlich hat er bessere und schlechtere Tage.“

Es war bei einem unserer letzten Treffen; er stellte mir wieder seine Standardfrage stellte und ich antwortete ihm barsch: „Nein, ich habe Angst vor dem Wahnsinn!“

Diese Antwort schien etwas ihn ihm auszulösen. Sein Griff um meinen Arm, der eben noch krampfhaft gewesen war, lockerte sich etwas. Auf seinem Gesicht spiegelte sich so etwas wie tiefe Verwirrung, während er auf den Boden sah und mir die Hand tätschelte, als ob er mir Mut machen wollte.

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