Der Drache

Peter Paul Rubens - Saint George and the Dragon (Quelle: Wikimedia Commons)

Es war einmal…

…ein wagemutiger Ritter, der eine Prinzessin aus den Klauen eines Drachen befreien wollte. Tagelang war er durch das Land gereist und hatte die schrecklichsten Geschichten von der Landbevölkerung gehört. Er hatte erfahren, wie es denen ergangen war, die vor ihm gewagt hatten sich dem Drachen zu stellen. Er hatte aber auch merkwürdige Gerüchte gehört, dass die entführte Prinzessin immer wieder auf Dorffesten gesichtet worden sein soll.

So gut es eben ging bereitete er sich auf den Kampf mit dem Drachen vor.

Das Ungeheuer bewohnte eine Höhle auf dem Kamm eines Berges und bereits als er sich dieser näherte konnte er den Schwefel riechen, der vom Berg herab ins Tal zog. Der Weg rechts und links war mit Totenschädeln dekoriert. Der Ritter mußte sein panisches Pferd an einem Stein festbinden, da das Tier vor Angst durchgehen wollte.

Der Ritter faßte sein Schwert und sein Schild fester und stieg alleine den Berg hinauf.

Als die Höhle in Sicht kam, ein dunkler Schlund in einer steilen Felswand, stolperte der Ritter über eine Schnur. Er wunderte sich kurz, doch er konnte sich nicht mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen. Wenn es möglich wäre, dann würde er das Monster gerne überraschen.

Doch seine Hoffnung zerschlug sich im nächsten Moment als ein gewaltiges Brüllen aus der Höhle herausschallte. Der Ritter schluckte. Nun war es zu spät, um umzudrehen.

Er festigte seinen Schritt, stieg über die Knochen am Höhleneingang und drang in die Dunkelheit ein.

Ein gewaltiges Grollen drang auf ihn ein und in den Schatten flammten Augen und ein Feuerschlund auf. Gewaltige Schwingen erhoben sich vor ihm und er konnte das Mahlen der Drachenzähne hören, wie das Knirschen eines riesigen Mahlstein.

Angst packte den Ritter, doch er nahm all seinen Mut zusammen, zog sein Schwert und mit einem Schlachtruf stürzte er sich auf das Ungeheuer. Doch vor dem Monster geriet er ins Stolpern, dann war er bereits mitten in dessen Fängen. Er schlug rechts und links nach den Schlingen und dem Gewebe des Drachen, dass auf ihn einstürzte. Rechts schlugen die Zähne wie Walze voller Schwerter, links flammte der feurige Atem des Drachen auf. Panik packte ihn und er schlug nur noch blind um sich, versuchte einen Ausweg zu finden bevor er zermalmt, zerrissen oder verbrannt wurde.

Er stolperte über sein Schild, verlor sein Schwert, wankte in seiner Rüstung und schlug plötzlich durch eine Holzwand hindurch…

Mit lautem Getöse fiel er den Boden einer heimeligen, warmen Kammer der Höhle, direkt vor die Füße der Prinzessin, die an einem Orgel-artigen Instrument saß.

„Oh…“ bemerkte sie.

Der Ritter erhob sich und versuchte sich zu orientieren, doch kaum hatte er seinen Helm zurecht gerückt, war die Prinzessin schon an seiner Seite, ein Krug dunklen Biers in der Hand.

„Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet,“ kommentierte sie.

Der Ritter versuchte zu lächeln, bevor er realisierte, dass sie – aufgrund seines Helms – sein Lächeln gar nicht würde sehen können. „Holde Maid, ich bin gekommen, um Euch zu befreien…“ begann er und streckte seine Hand aus, um den Bierkrug aus ihrer zarten Hand entgegen zu nehmen.

„Bei Gott, das ist mir jetzt wirklich peinlich“, antwortete sie und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Bierkrug, den sie mit raschen Zug vollständig leerte.

Der Ritter sah sie verdutzt an.

„Meine Dame, ich… Also… Ich…“

„Jaja, mein Vater hat Dich geschickt. Er ist ja so überfürsorglich. Aber genau deswegen hatte ich das Schloss ja verlassen.“

„Aber der Drache… Ihr wurdet entführt und…“

Sie sah ihn streng an und der Ritter verstummte. „Hey, ich wollte nur mal etwas Party machen und dann ist mein Vater gleich: Du bist Prinzessin. Du mußt Jungfrau bleiben. Es schickt sich nicht und so weiter und so fort… Und er wollte mir sogar all meine Maschinen wegnehmen. Könnt Ihr Euch das vorstellen. Er will mich bis zur Ehe wegsperren und dann kann ich noch nicht einmal an einer neuen Balliste arbeiten. Mein Gott, die hätten wir im letzten Krieg so gut gebrauchen können.“

„Balliste?“ Der Ritter sah sie an.

„Ja! Moment. Ich habe hier einen Prototypen.“ Die Prinzessin zog einen Vorhang beiseite und offenbarte eine gewaltige Kriegsmaschine. „Habe ich selbst gemacht,“ sagte sie stolz. „Sie feuert drei Bolzen pro Minute!“ Sie zog kräftig an einem Strick und mit einem gewaltigen Satz feuerte die Maschine einen meterlangen Stab ab der nur wenige Fußbreit an dem Ritter vorbeizischte und hinter ihm im blanken Fels steckenblieb.

Er versuchte Worte zu finden, aber als er realisierte, dass das Holzstück ihn und seine Rüstung mit aller Leichtigkeit hätte durchbohren können, schnürte sich ihm die Kehle zusammen.

Er zuckte heftig zusammen als die die Prinzessin ihm ihren Arm um die Schulter legte. „Entspann‘ Dich,“ raunte sie ihm zu. „Das ist nur eine Maschine, Genauso wie der Drache. Nachdem ich mit einer selbstkonstruierten Flugmaschine aus dem Schloß geflohen bin, ist mein Vater durchgedreht und hat allen Rittern was von einem Drachen erzählt, der mich entführt hat. Da kam ich auf die Idee: Hey, bau‘ Dir doch einfach einen. Und das habe ich auch gemacht.“

„Hier unten in der Höhle gibt es einen unterirdischen Fluß, an dem habe ich ein Mühlrad angebracht. Das treibt die Stoffbahnen und die Arme und Beine des Drachen an. Vor allem auch das Malwerk mit den Schwerter, dass alle für die Zähne des Drachen halten. Richtig stolz bin ich aber…“

Sie begann breit zu grinsen und dem Ritter wurde es mulmig.

„Richtig stolz bin ich aber auf etwas, was ich Flammenwerfer getauft habe. Das Prinzip habe ich mir von einem Feuerspucker auf einem Jahrmarkt abgeguckt. Ich mußte das nur etwas größer bauen und voilà! Fertig ist das Drachenfeuer.“

Sie kniff den stockstarren Ritter in die Wange. „Du bist der Erste, der sich nicht von meiner Konstruktion hat einschüchtern lassen… beziehungsweise der nicht vor lauter Angst ins Drachenfeuer gelaufen ist und…“ Sie schüttelte betrübt den Kopf. „Die armen Kerle… Tagelang hängt dann noch dieser Geruch hier in der Höhle.“

„Also…“ Sie griff plötzlich seine Hände. „Was machen wir denn jetzt, hm? Du hast ja sicherlich von meinem Vater versprochen bekommen, dass Du mich heiraten darfst. Ich habe auch garnichts dagegen. Ich hoffe, Du hast bloß nichts gegen Maschinen. Ich würde schon gerne weiter daran arbeiten und…“

Der Ritter sah ihr ins Gesicht, während sie davon schwärmte mit welchen mechanischen Wundern man ein gemeinsames Schloß verschönern könnte, dann stieß er plötzlich einen spitzen Schrei aus, riss sich los und rannte – so schnell ihn seine Füße tragen konnten – aus der Höhle.

Die Prinzessin sah ihm verdattert hinterher.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann laufen die Männer noch heute von ihr davon.

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2 Antworten zu Der Drache

  1. Frau Körb schreibt:

    Verehrte Märchentiere,
    ich hätte einen Wunsch zum alternativen Ende mit Fortsetzung zu äußern: „…laufen die Männer noch heute von ihr davon. Aber dann kam Turbogiraffe.“
    Herzlichen Dank und eben selbige Grüße
    Frau Körb

    • kaminkatze schreibt:

      Sehr geehrte Frau Körb,

      Sie haben natürlich vollkommen recht. Unsere transdimensionale Korrespondentin Turbogiraffe hat sich schon länger nicht mehr geäußert. Die Redaktion wird sich darum bemühen einen aktuellen Bericht anzufordern.

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