Der Anti-Gerichtsvollzieher

Marinus van Reymerswale - The Tax Collector (Quelle: Wikimedia Commons)

In einem fernen sozialistischen Land klingelt es an der Tür.

Der Vater fuhr zusammen. „Das ist der Anti-Gerichtsvollzieher,“ sagte er. Die ganze Familie erstarrte.

Doch bereits in diesem Moment begann es an der Tür zu hämmern. „Hier ist der Anti-Gerichtsvollzieher! Öffnen Sie oder wir brechen die Tür auf!“

„Was haben wir denn getan?“ fragte die Mutter mit Verzweiflung in der Stimme.

Die Kinder sahen ihre Eltern an mit großen Augen an. An ihren verständnislosen Blicken war zu erkennen, wie sehr sie die Angst ihrer Eltern verunsicherte.

„Schnell, bring die Kinder in ihr Zimmer. Sie müssen das nicht mit ansehen. Ich werde versuchen den Anti-Gerichtsvollzieher aufzuhalten. Vielleicht…“ Der Vater schluckte. „Vielleicht läßt er ja noch mit sich verhandeln.“

Die Mutter nahm seine Hand und drückte sie fest. Dann begann sie die Kinder aus der engen Küche zu führen. „Schnell, schnell…“

Inzwischen hämmerte es der Tür. „Öffen Sie!“

„Ich komme. Ich komme,“ rief der Vater.

Doch in diesem Moment krachte es bereits. Die Tür zerbarst unter dem Ansturm eines Rammbocks und die Splitter flogen durch den Hausflur.

Als der Vater seinen Blick wieder hob, stand er in der Tür: Der Anti-Gerichtsvollzieher, flankiert von Sicherheitsbeamten und hinter ihm eine ganze Armada an Transporteuren.

„Ich… Ich wollte gerade aufmachen,“ stammelte der Vater.

„Tja, das war wohl etwas zu spät,“ kommentierte der Anti-Gerichtsvollzieher, ließ seinen Kugelschreiber klicken und begann etwas in dem Formular auf seinem Klemmbrett einzutragen. Dann trat er mit seiner Entourage hinein. „Sie erlauben wohl,“ sagte er kühl.

„Bitte,“ der Vater flehte den Mann in dem akuraten Anzug an. „Wir haben doch alles immer pünktlich gezahlt und… und…“

„Genau!“ stimmte der Anti-Gerichtsvollzieher mit einem Nicken zu, während er kalt die Einrichtung der Wohnung studierte. „Aber das heißt ja nicht, dass sie nicht vielleicht noch etwas brauchen.“ Er lenkte seinen gefühllosen Blick auf den Vater.

„Wir haben alles,“ flüsterte der Vater. „Wirklich…“

„Aber sie haben sicherlich noch keinen Fernseher…“ Ein grausames Lächeln zeichnete sich auf den Lippen des Beamten ab. „…für ihre Toilette.“

Aus dem Hintergrund erklangt ein heiserer Schrei der Mutter. Sie stürzte heran und ging fast vor dem Anti-Gerichtsvollzieher auf die Knie. „Bitte, nicht!“

Der Beamte lächelte sie an. Dann erstarb dieses Lächeln schlagartig. Er drehte sich zu den Transporteuren um, machte eine zackige Handbewegung und sofort begannen die Männer einen 48-Zoll-LED-Fernseher in die Wohnung zu tragen.

Die Mutter versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken als sie sah, wie die Männer ihn auf die Toilette trugen.

Der Vater packte den Ärmel des Anti-Gerichtsvollziehers. „Sie können uns das nicht antun. Wir sind unbescholtete Bürger. Sie waren doch erst vor ein paar Monaten hier…“

Der Beamte warf dem Vater einen stummen, strafenden Blick zu, bis dieser dessen Ärmel losließ. Der Mann strich seine Kleider glatt. „Ich tue nur was getan werden muß. Und wenn ich richtig sehe…“ Er konsultierte sein Formular. „Dann haben sie noch keinen dritten Kühlschrank.“

„Bitte, die Küche… Sie ist doch eh schon so klein und…“

„Und zwei neue Fahrräder für die Kinder.“

„Aber die haben doch noch…“

„Und ein Himmelbett.“

„Aber das Schlafzimmer ist dafür doch nicht…“

„Und einen Wohnwagen.“

„Aber wir haben doch gar keinen Parkplatz… Wir haben doch keinen… Wir haben doch…“

Weinkrämpfe schüttelten den Vater, der vor dem Anti-Gerichtsvollzieher kniete. Die Mutter klammerte sich an ihn. Ob sie versuchte bei ihm Schutz zu suchen oder ihn aufzurichten, war nicht mehr zu erkennen, denn auch sie war von der Verzweiflung vollständig überwältigt worden.

Der Anti-Gerichtsvollzieher sah auf die beiden herab. „Ich tue nur meine Pflicht,“ wiederholte er. „Und das wird auch von ihnen erwartet als Bürger.“

Hilflos schlug der Vater mit der Faust auf den Fußboden.

Der Beamte atmete tief durch. Hinter ihm trugen gerade die Transporteure das seiden-bespannte, mit gedrechseltem Eichenholz gefertigte Himmelbett herein. Dann seufte er.

„Nun gut,“ sagte er schließlich. „Sie bekommen keinen Wohnwagen. Ich will mal nicht so sein…“

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