Rezension: Das „No Fun“-Festival

Camille Corot - Orpheus Lamenting Eurydice (Quelle: Wikiart)

Während andererorts auch diesen Sommer wieder Rocklegenden oder international bekannte DJs auf der Bühne stehen, setzt sich auch dieses Jahr das „No Fun“-Festival bewußt von allen modischen Trends ab.

Bereits bei der Kartenbestellung muß der zukünftige Besucher sich mit einer annähernd 100seitigen Geschäfts- und Betriebsordnung auseinandersetzen. Auch die persönliche Abholung der Tickets an einer der wenigen Verkaufsstellen gehört zu den Hürden, denen man sich erst einmal stellen muß, bevor man an den diesjährigen Veranstaltungsort anreisen kann.

Dieser liegt im ruhigen Oberniederremschtal, 50 Kilometer von der Autobahn, 30 Kilometer vom nächsten Bahnhof und 10 Kilometer von der letzten Bushaltestelle entfernt. Ein Shuttleservice existiert natürlich nicht. Wenn man dann aber das eigentliche Festivalgelände erreicht hat, eine immer noch sehr authentisch wirkende Industriebrache aus DDR-Zeiten, fühlen sich alle Veteranen des „No Fun“-Festivals sofort wieder an die vorherigen Jahre erinnert.

Der Boden des Campinggeländes ist steinig, Dixie-Klos nicht vorhanden und das Catering wird bereits am ersten Abend wegen hygienischer Mängel eingestellt. Die von einem lokalen Dealer verkauften Drogen verursachen paranoide Attacken.

Doch natürlich dreht sich alles um die Bühnenshows. Auch dieses Jahr beginnen diese wieder mit dem Auftritt der Arbeiter. Über mehrere Stunden kann man ihnen beim Aufbau zusehen. Anschließend folgt der heiß erwartete Soundcheck, der den Besuchern bisher ungehörte Töne in ohrenbetäubenden Lautstärken nahebringt. Der Auftritt einer nicht klassifizierbaren Band endet in einem Wutausbruch des Sängers, der anschließende auftretende DJ spielt über Stunden dieselben 3 Töne in der Dauerschleife.

Natürlich ist dies nur die Einleitung für den zweiten Festivaltag: Dieser beginnt – von der Festivalleitung perfekt getimed – mit einem Wolkenbruch, der große Teile des Geländes unter Wasser setzt und die im angrenzenden Wald verscharrten Fäkalien gleichmäßig in großen Pfützen überall verteilt.

Eine großartige Rockband erscheint nicht. Bei dem Auftritt eines Singer-Songwriters versagt die feucht gewordene Soundanlage, so dass nur die ersten beiden Reihen die aus Depression entstandenen Klagegesänge teilweise mithören kann. Das DJ-Battle wird zwischem aggressivem Nu-Jazz und atonalen Trance entschieden.

Mit anderen Worten: Das „No Fun“-Festival bleibt ein Klassiker der Festivalszene, ohne ihm würde es dem Deutschen Kultursommer an einem Highlight mangeln.

Anmerkung: Die Rezensentin ist auf eigene Kosten zum Festival angereist und hat keine Gegenleistung für diese Rezension erhalten. Derzeit wird sie noch vermisst. Sollten Sie Hinweise auf ihren Aufenthaltsort in den Wäldern des Oberniederremschtals haben, bitte setzen Sie sich mit der Redaktion in Verbindung.

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