Mein Onkel, der Freimaurer

Prince Frederik of the Netherlands in 1817 as Grand-master of the Dutch freemasons (Quelle: Wikimedia Commons)

Mein Onkel Norbert war bei den Freimaurern. Ich bin nicht mehr ganz sicher, woher ich das wußte, aber er hielt es auch nicht geheim. Er hatte diesen dicken goldenen Siegelring mit einem Zirkel am Finger.

Ich stellte mir immer vor, dass er bei dieser Organisation sei, die wahnsinning viel Macht hatte und die ganze Welt insgeheim kontrollierte. Das hatte den Effekt, dass ich sehr von ihm eingeschüchtert war. Eigentlich war er immer sehr nett zu mir, aber ich traute mich kaum näher an ihn heran, wenn wir ihn trafen. Da er – wie die ganze Familie – in derselben Stadt wohnte, war das recht häufig.

Es war nun so, dass ich in der Schule nicht sehr gut war. Von Jahr zu Jahr schaffte ich es gerade so versetzt zu werden, obwohl ich mich sehr anstrengte. Meine Eltern waren natürlich nicht sehr froh darüber und ich schämte mich dafür sehr.

Als ich gegen Jahresende wieder einmal eine sehr schlechte Note in einer Klassenarbeit (bei Frau Heinert, in Erdkunde) hatte, war ich vollkommen verzweifelt. Ich befürchtete, dass ich dieses Schuljahr wirklich sitzenbleiben würde und die bloße Aussicht, dass dies passieren könnte, jagte mir fürchterliche Angst ein. Meine Eltern sollten von dieser schlechten Note nichts erfahren. Doch sie würde es spätestens, wenn ich sitzenblieb…

In meiner Verzweiflung kam ich auf eine Idee: Ich rief Onkel Norbert an.

Nach einigen sehr peinlichen Einleitungssätzen (ich hatte noch nie selber meinen Onkel angerufen!), sagte ich ungefähr folgendes: „Onkel Norbert, die Frau Heinert hat mir in Erdkunde eine Fünf gegeben und deswegen werde ich sitzenbleiben. Sie ist total fies. Immer! Und ich denke, dass Ihr das wissen müßt. Und… und… vielleicht kannst Du Ihr ja befehlen, mir eine bessere Note zu geben!?“

„Ich? Ihr befehlen? Wie kommst Du auf die Idee, dass ich so etwas tun könnte?“

„Aber Du bist doch bei den Freimaurern, ihr kontrolliert doch alles.“

„Ich bin…“ Onkel Norbert schwieg lange am anderen Ende der Leitung. Ich hatte bereits Angst, dass er aufgelegt haben könnte.

Dann sagte er schließlich die erlösenden Worte: „Ich werde mit ihr reden.“

Ich konnte es kaum glauben, doch als ich ein paar Tage später meinen Onkel vor dem Lehrerzimmer in meiner Schule stehen sah, wußte ich sofort, dass er wegen mir dort sein mußte.

Er sah mich und winkte mir zu.

Ich stand am anderen Ende des Ganges und traute mich kaum zurückzuwinken: Vielleicht würde ich ihn auf seiner Freimaurermission entlarven, wenn ich zeigte, dass ich ihn kannte. Doch er hatte mir bereits zugewunken und etwas verhalten winkte ich zurück und rannte dann so schnell wie ich konnte weg.

In der nächsten Erdkundestunde traute ich mich dann kaum Frau Heinert anzusehen. Würde sie es mir übelnehmen, dass ich die Freimaurer auf sie angesetzt hatte?

Doch als an meinem Tisch vorbeikam, war das Gefühl übermächtig. Ich mußte einfach zu ihr aufsehen: In Frau Heinerts Gesicht war keine Bosheit oder Ärger zu sehen. Ihr Blick war eher… mitleidig?! Sie struppelte meine Haare und ging dann ohne ein Wort weiter. Sie sagte nichts weiter zu mir.

In diesem Moment hatte ich verstanden: Mein Onkel und damit die Freimaurer – alle Freimaurer – die die Welt kontrollieren – hatten ihr befohlen, dass sie nett zu mir sein sollte. Und jetzt war sie nett zu mir`und struppelte mein Haar.

Tatsächlich hatte ich dann im Endjahreszeugnis – trotz der schlechten Klassenarbeit – in Erdkunde eine Drei. Damit war ich aus dem Schneider.

Und ich war von diesem Moment fest davon überzeugt, dass die Freimaurer die ganze Welt kontrollieren. Sogar Frau Heinert aus der Schule. Ich konnte es kaum glauben, dass ich es geschafft hatte, dass die Freimaurer – die die ganze Welt beherrschen – sich für mich eingesetzt hatten. Ich hatte das Gefühl auf der Spitze einer Pyramide zu stehen, während um mich herum die ganze Welt ausbreitete. Zugleich war die Luft dünn und ich konnte vor Aufregung kaum atmen.

Bei seinem nächsten Geburtstag bekam Onkel Norbert ein ganz großes Geschenk von mir. Ich kaufte ihm – auf Empfehlung meines Vaters hin, der sehr überrascht war, dass ich meinem Onkel etwas schenken wollte – ein Kugelspiel für seinen Bürotisch.

Dass mein Onkel Frau Heinert nur um ein Lehrergespräch gebeten und sie meine Jahresendnote entsprechend angepaßt hatte, da mein Onkel ihr erfolgreich vermitteln konnte, dass ich soviel Angst vor dem Sitzenbleiben hatte, dass ich noch nicht einmal meinen Eltern von der schlechten Note erzählt hatte, sondern nur ihm. Das erzählte er mir Jahre später einmal, während er hinter seinem Schreibtisch saß, den goldenen Siegelring am Finger und zwischen uns tickte das Kugelspiel vor sich hin.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltag abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Mein Onkel, der Freimaurer

  1. close100 schreibt:

    Hatte sich anschließend dein Gefühl auf der Spitze der Pyramide zu stehen positiv auf deine schulischen Leistungen ausgewirkt?

    • kaminkatze schreibt:

      Sehr geehrte(r) Close100,

      Vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Die Redaktion ist gerade verwirrt. An dieser Stelle hätte eigentlich ein Artikel über die äußerst spannende Produktion von Papiertaschentüchern stehen sollen, stattdessen nun dieser Bericht unbekannten Ursprungs. Wir vermuten dahinter eine großangelegte Verschwörung und werden dies ausführlich recherchieren.

      Mit besten Grüßen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s