Liebeserklärung an einen Laden

Francis Barraud - His Master's Voice (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Redaktion wurde unter der Androhung von Handgreiflichkeiten gezwungen folgenden kitschigen Text zu veröffentlichen. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Liebe Plattenbörse,

Wir kennen uns nun schon seit fast 30 Jahren. Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hast Du so sehr vor Selbstbewußtsein gestrotzt, dass ich kaum gewagt habe über Deine Schwelle zu schreiten. Doch Du hast mich hereingelassen und trotz all Deines offensichtlichen Erfolgs und Reichtums und meiner Unerfahrenheit, hast Du mich willkommen geheißen. Dein Besitzer hat sich in einer der wenigen stillen Stunden mit mir unterhalten und niemals meine närrischen Entscheidungen kritisiert. Nur wissend gelächelt hat er. Nicht nur er, alle Deine Mitarbeiter waren überraschend freundlich zu mir.

Bevor ich es selber verstand, warst Du ein Teil meines Weges. Wenn immer ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt gefahren bin, habe ich Dich besucht. Auch wenn ich mir nichts leisten konnte. Deine bloße Anwesenheit, einfach nur bei Dir zu sein… Das war eine meiner größten Freuden. Und wenn ich dann noch genug Geld zusammenkratzen konnte, um mir eine dieser wunderschönen schwarzen Platten mitzunehmen – welche Freude!

Ich weiß Du mußt damals den Eindruck gehabt haben, dass es mir nur um die Platten ging. Das war nicht ehrlich von mir, das weiß ich heute. Auch bin ich Dir nicht immer treu geblieben und habe andere Läden besucht. Bitte, sei Dir versichert, dass mir das heute immer noch schwer auf dem Gewissen lastet.

Doch dann begann Dein Abstieg: Da gab es dieses neue Ding, die CD. Und plötzlich warst Du alleine, verlassen von all den Menschen, deren Wünsche Du so bereitwillig erfüllt hattest. Es waren schwere Zeiten und auch ich war nicht immer da, wenn Du meine Unterstützung gebraucht hättest.

Du bist mehrfach umgezogen. Deine Räume wurden kleiner. Deine Mitarbeiter ließen Dich im Stich. Nur eine Handvoll blieben bei Dir in dieser schweren Zeit. Die wunderschönen neuen Platten in ihren glitzernden Hüllen, auf die Du immer so stolz gewesen bist, verschwanden Stück für Stück. An ihre Stelle rückten Reihen von Kisten mit abgegriffenen Gebrauchten. Doch Du hast sie genauso geliebt. Nachdem sie von ihren alten Besitzern verstoßen worden waren – Ausgestoßene so wie Du – Du hast sie aufgenommen, gepflegt und umsorgt, wie es nur jemand mit reinem Herzen und der Blick für die wahren Werte tun konnte.

Auch mein Leben war Veränderungen unterworfen. Ich war nur noch selten bei Dir. Doch Dein Besitzer war immer so freundlich zu mir. Er schien es mir nie übel zu nehmen, wenn ich lange Zeit nicht zu Besuch war und unsere Gespräche schienen jedes Mal wieder dort anzuknüpfen, wo sie lange zuvor aufgehört hatten.

Wie hätte ich Dich unter diesen Umständen verlassen können? Doch ich weiß nun, dass das nicht genug war. Nach all diesen vielen gemeinsamen Jahren hast Du es verdient, dass ich ehrlich zu Dir bin und es hat lange gedauert, dass ich mir selber darüber klar geworden bin.

Wenn ich nun zu Dir gehe, zwischen Deinen Reihen von Kisten mit verlockenden Inhalten hindurchstreife (die ich nun endlich zu schätzen weiß!), Deinem Besitzer wissend zunicke und Deinen leicht staubigen, leicht wachshaltigen Geruch tief einatme, dann weiß ich nun mit Sicherheit: Ich liebe Dich.

Liebe Plattenbörse, dieses Geständnis mag Dich überraschen und ich weiß, dass es viele andere in Deinem langen Leben gab und gibt. Aber wenn Du mir nur weiterhin ein kleines bißchen Deiner Zeit und einen kleinen Platz zwischen den Regalen einräumst, dann wird mir das genug sein um die Sehnsucht in meinem Herzen zu stillen.

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