Turbogiraffe Episode 431 – Der Tempel des guten Geschmacks

 

Canaletto - The Interior of Henry VII Chapel in Westminster Abbey (Ausschnitt) (Quelle: Wikiart)

In der ganzen Hypsokaustas-Galaxie war die Raumstation KCH-LFF-1 berühmt für ihr kulinarisches Erlebnis. Ich konnte mir dies nicht entgehen lassen und nachdem ich – nach einigen unfreiwilligen Umwegen, die an anderer Stelle erzählt werden sollen – in der Dimension µ3 angekommen war, machte ich mich deshalb sofort zur Hypsokaustas-Galaxie auf.

Die Raumstation KCH-LFF-1 hatte eine ausgesprochen interessante Geschichte: Eigentlich war sie einmal ein Planet gewesen, doch ein Unfall, der einen Graviton-Transporter, eine Ladung hyperspatialer Bulldozer, ein Batallion Planetenwürmer, eine Klasse voller Mega-Gigantonischer Kleinkinder auf einem Schulausflug, sowie einen Flugleitfehler der Kremulanischen Navigationsstelle aufgrund eines verschütteten Heißgetränkes beinhaltete, hatte nicht viel von dem Planeten übrig gelassen.

Der Unfall lastete schwer auf dem Gewissen der Kremulaner und sie unternahmen einen einzigartigen Wiedergutmachungsversuch: Sie verbanden die Überreste des Planeten zu der Raumstation KCH-LFF-1 und rekonstruierten die zerstörte Zivilisation des untergegangenen Planeten anhand der hinterbliebenen Artefakte.

Bereits bei meiner Ankunft wurde mir der Erfolg dieses Unterfangen bewußt, strömten doch unzählige Touristen mit mir gemeinsam von der Landeplattform zu den Empfangsschaltern. Während wir in langen, mit angenehmer trommollonischer Musik beschallten Korridoren warteten, konnte man auf unzähligen Monitoren Artefakte der untergegangen Zivilisation sehen. Es handelte sich wohl um televisionäre Videoformate. Ich glaubte darunter einige Kochsendungen zu erkennen.

Ich mußte einige Zeit warten, bis ich vor einem Kremulaner in einem Livree stand, der ernsthaft seinen falschen Schnurrbart zurecht schob. Ich hielt bereitwillig meine Einreisedokumente parat, die ich mir mühsam hatte ausstellen lassen (in Dimension µ3 sind Giraffen unbekannt), doch die schienen den Kremulaner hinter dem Pult nicht zu interessieren.

„Willkommen auf KCH-LFF-1. Dürfte ich erfahren, was sie zu speisen gedenken?“

Die Frage überraschte mich etwas: „Ich bin Vegetarierin,“ antwortete ich rasch.

„Orthodox oder reformiert?“ fragte er zurück.

Ich warf ihm einen sehr verwirrten Blick zu, den er allerdings ganz anders interpretierte, als ich mir hätte vorstellen können: „Oh, Sie sind Offenbarungsvegetarierin. Entschuldigen Sie, mein Fehler. Bitte hier entlang.“

Und schon stand ich auf einem Rollband, dass mich gemächlich einen weiteren Korridor entlang beförderte. Hinter Glas waren knuffige und zottelige Tiere zu sehen, die langsam auf Pflanzen herumkauten. Offensichtlich waren dies Klone der Tiere, die einst auf dem Planeten gelebt hatten.

Ganz in der Beobachtung der Zotteltiere vertieft bekam ich kaum mit, wie ich mich meinem Bestimmungsort näherte: Vor mir ragte ein riesiges Portal auf, auf dessen unzähligen verzierten Bögen Gemüseskulpturen standen. Das Portal endete in einer spektakulären Spitze aus Brokkoli.

Ich war überwältigt und dies führte dazu, dass ich nicht bemerkte, dass das Rollband endet. Erst als einige ghomossische Touristen sich ungehalten schnaufend an mir vorüberschoben kam ich auf die Idee hineinzugehen.

Das Gewölbe in das ich eintrat war aus hellem Stein gefertigt. Auf Säulen standen Statuen von Männern, Frauen, Neutren und Xhys mit Küchengeräten, die mit wohlwohlendem Blick auf die Bänke herabsahen, auf denen sich unter ihnen bereits viele andere Reisende drängten. Sie allen waren einem erhöhten Altar zugewandt auf dem Zutaten zu sehen war.

Offensichtlich war ich gerade rechtzeitig gekommen. Die Leute um mich herum schoben sich zu den Plätzen und so gelangte ich auch – mehr oder weniger gezwungenermaßen – auf einen Platz.

Im selben Moment betrat ein Kremulaner in einer Küchenschürze die Bühne. Dramatisch senkte er einen Kopf und hob er einen Rührquirl in die Höhe. Schlagartig wurde es still im Saal.

Eine pinokolettische Dröse neben mir begann begeistert ihre Quaddeln zu schwenken: „Ich bin ja so aufgeregt. Er wird aus dem Kulinarischen Testament des Apostel OTT-LNG-1 predigen. Angeblich waren bei seiner Offenbarung drei neue Sterne am Firmament erschienen.“

Ein anderer Kremulaner mit einem Käppi, einem Notizblock und einem Headset rannte vor dem Altar auf und ab. Dann stand er still, begann mit seinen sieben Fingern hinunterzuzählen und rief dann laut „Action!“, und rannte so schnell wie möglich von dannen.

Sofort erhob sich Orgelmusik und der Kremulaner in der Kochschürze hob seinen Kopf.

„Gläubige, Pilger, Gourmands, Zuschauer daheim. Wir sind heute hier zusammengekommen, um uns im Geschmack zu vereinen.“

Das Publikum um mich herum brach in begeisterten Applaus aus.

Mit Verve begann der Koch nun auf dem Altar zu werken, während hinter ihm ein Chor die Bühne betrat und zu singen begann: „100 Gramm pfanzliches Speiseöl…“

„Hallelujah!“ antwortete der Saal im Chor.

„Eine Prise Speisesalz…“

„Hallelujah!“

Dies ging einige Zeit so weiter, während er Koch in dramatischen Posen etwas zubereitete. Dann plötzlich stand er still und schlagartig verstummte der Chor.

Es wurde dunkel im Saal.

Dann fiel ein einziger Lichtstrahl auf einen Kremulaner in einem weißen Rock, der zwischen den Bänken entlang ging. In seinen Händen trug er eine Schatulle.

Langsam näherte er sich dem Altar.

Der Koch stieg davon herab.

Der Schatullenträger öffnete dieselbe und der Koch griff hinein.

Die Spannung im Raum war zum Zerreißen gespannt.

Vom dem einsamen Lichtstrahl erleuchtet, der seine Kochschürze hell aufscheinen ließ, hob der Koch eine Zucchini hoch.

„Sehet die Zucchini!“ schallte es durch den Saal.

Und um mich herum brandete ekstatischer Jubel auf: „Die Zucchini! Die Zucchini!“

Der Koch ging wieder zu dem Altar hinauf und platzierte die Zucchini in einer Auflaufform, die er daraufhin in einen Ofen schob.

Er wendete sich wieder dem Publikum zu: „Brüder, Schwestern, Neutren, Xhys, laßt uns beten! 20 Minuten sollst Du den Zucchiniauflauf bei 200° backen, bis er goldbraun geworden ist…“

Um mich herum waren alle Anwesenden auf die Knie gefallen. Mir war dies ausgesprochen peinlich, da ich es mir als Giraffe ausgesprochen schwer fiel zwischen den engen Bänken genug Platz für meine Beine zu finden.

Ich war gerade dabei mein hinteres linkes Bein wieder aus der Banklehne herauszuziehen, als das Gebet mit dem Läuten des Ofens endete. Der Koch ging hinüber und holte den Auflauf daraus hervor. Als er ihn für alle sichtbar über seinen Kopf hob, brach wieder frenetischer Jubel aus und die Masse des Publikums drängte schlagartig zum Altar, wobei ich unfreiwillig mitgetragen wurde.

Der Koch und einige Helfer ließen die Zuschauer vom Zucchiniauflauf kosten, während im Hintergrund der Chor ein „Te Deum“ anstimmte.

Trotz meiner Versuche mich aus der Menge zu lösen, stand ich plötzlich vor dem Koch.

„Also, ich bin eigentlich nicht gläu…“

Der Koch – ganz in seine heilige Aufgabe vertieft – schob einfach einen Löffel voller blättrig-nussigem Zucchiniauflauf in meinen gerade zum Sprechen geöffneten Mund.

So erhielt ich die Kommunion auf der Raumstation KCH-LFF-1. Sie schmeckte ausgezeichnet.

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