Die überfällige Diskussion über unsere Wirtschaftsordnung

Theo van Rysselberghe - The Reading (Quelle: Wikiart)

Moderatorin: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, guten Abend! Bereits seit Tagen hören sich die Wirtschaftsnachrichten beunruhigend an. Der Ölpreis befindet sich im freien Fall, die Konzentration des Reichtums in der Hand einiger weniger Milliardäre und Befürchtungen über eine mögliche neue Weltwirtschaftskrise sind nur einige der Zeichen unserer Zeit. Dennoch scheint es so, als ob das überfällige Gespräch über die Grundsätzlichkeiten unserer Wirtschaftsordnung nicht geführt wird. Wir wollen heute abend dieses Gespräch führen. Deshalb sind bei uns Maximillian Heuschelreuth, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, sowie Annette Szykorsky, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Herr Heuschelreuth, zuerst eine Frage an sie: Wird diese wichtige Diskussion auch in der Bundesregierung geführt?“

Heuschelreuth: „Angesichts der weiter steigendenen Flüchtlingszahlen sieht sich die Bundesregierung in der Verantwortung. Wir müssen dieser menschlichen Katastrophe…“

Moderatorin: „Entschuldigen Sie, Herr Heuschelreuth. Wir wollten über die Herausforderungen unserer Wirtschaftsordnung diskutieren, nicht über Flüchtlingspolitik.“

Heuschelreuth: „Bitte? Ach, Wirtschaft… Ja, also das Ministerium ist zuversichtlich, dass sich die Lage in Griechenland weiter…“

Moderatorin: „Ich verstehe nicht ganz, was das mit der Wirtschaftsordnung zu tun hat.“

Heuschelreuth: „Die Griechen müssen ihren Verpflichtungen nachkommen…?“

Unruhe im Publikum. Herr Heuschelreuth sieht sich hilfesuchend um.

Szykorsky: „Vielleicht kann ich dazu etwas sagen. Deutschland ist in einer internationalen Schlüsselposition und muß in einer Führungsrolle vorangehen, wenn es um den wirtschaftlichen Wandel unserer internationalen Partner geht.“

Moderatorin: „Aber es geht ja nun auch die Wirtschaftsordnung hier bei uns. Herr Heuschelreuth, sehen Sie nicht auch die Gefahr, dass die wirtschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit eine potentielle Gefahr für Demokratie und Freiheit sind?“

Heuschelreuth: „Freiheit… Natürlich steht die Bundesregierung für die Freiheit des Handels. TTIP zum Beispiel.“

Moderatorin: „Ja, aber Herr Heuschelreuth, gerade das Freihandelsabkommen TTIP steht nun ja in der Kritik die herrschende, ungerechte Wirtschaftsordnung zu verschärfen.“

Heuschelreuth: „Äh… Wandel durch… Handel?“

Szykorsky: „Also ich glaube ich kann das etwas besser erklären, als der Herr Kollege aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Freihandelsabkommen wie TTIP sind ja nun dazu da, die Rolle des Verbrauchers zu berücksichtigen und zu stärken. Der Verbraucher muß sich keine Sorgen machen. Seine Rolle als Verbraucher wird dauerhaft festgeschrieben. Daran wird auch garnicht gerüttelt. Alle an der Aushandlung des TTIP-Abkommens liegt viel daran, dass der Verbraucher der Verbraucher bleibt. Man kann also garnicht davon sprechen, dass TTIP verbraucherunfreundlich wäre, im Gegenteil.“

Moderatorin: „Ja… Das, ähm… Oh, da ist eine Frage aus dem Publikum!“

Zuschauer: „Kapitalismus ist Scheiße!“

Moderatorin: „Herr Heuschelreuth, vielleicht könnten sie darauf antworten…“

Heuschelreuth: „Der Kapitalismus, also… wir leben ja garnicht im Kapitalismus. Wir haben ja Sozial… Abgaben. Und Leistungen. Leistungen natürlich auch. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft.“

Szykorsky: „Wenn ich das aufgreifen darf. Genau so sehe ich das auch: Was unsere Gesellschaft braucht ist der Wandel zu einer Leistungsgesellschaft. Eliteförderung, steuerliche Vorteile für Leistungsträger, Abbau von bürokratischen Hürden. Das sind die Antworten auf die Fragen unserer Zeit.“

Moderatorin: „Herr Heuschelreuth, stimmen Sie dem zu?“

Heuschelreuth: „Also… Ich… Die Bundesregierung…“

Frau Szykorsky reicht Herrn Heuschelreuth ein Blatt Papier hinüber und weißt auf den untersten Absatz hin. Herr Heuschelreuth liest kurz.

Heuschelreuth: „Ja. Ja, dem stimme ich zu.“

Moderatorin: „War das jetzt nicht Einflußnahmen?“

Szykorsky: „Keinesfalls. Es war ein Debattenbeitrag. Wir liefern nur die Antworten, die sonst niemand hat.“

Moderatorin: „Nun… Ich glaube das Ende unserer Sendezeit ist damit erreicht. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s