Dort wo die Träume sterben

Jan Vermeer - The Art of Painting (Quelle: Wikimedia Commons)

„Natürlich gibt es schreckliche Berufe. Das will ich garnicht bestreiten. Abdecker, Müllsortierer, die armen Schweine, die irgendwo in Afrika Mineralien aus dem Berg holen müssen… Aber ich bleibe dabei: Es gibt keine schlimmeren Beruf als meine. Den des Künstlerbedarfsverkäufers.

Ja, natürlich gucken Sie jetzt erstaunt. Lassen Sie mich versuchen, es Ihnen zu erklären…

Es gab einmal eine Zeit, in der ich es geliebt habe in einem Kunstladen zu arbeiten. Es gab und gibt dort so wundervolle Dinge zu finden: Bögen seidigen Papiers, bis zum Knarren gespannte Leinwände, die weichsten und die härtesten Pinsel, Speckstein, Lindenholz. Natürlich ist da der Geruch der Farben, aber daran gewöhnt man sich erstaunlich schnell.

Aber im Laufe der Jahre wurde es immer schwieriger für mich, die Arbeit dort mit meinem Gewissen zu vereinbaren. Sie sehen, wie diese Menschen hoffnungsvoll in ihren Laden kommen. Ausgiebig erklären sie ihnen welches Papier sich für die ersten Aquarelle am besten eignet. Welche Farben es einem nicht allzu schwer machen. Doch inzwischen weiß ich: Das ist der Zeitpunkt, wo ich sie alle verdamme…

Sehen Sie: Sie kommen alle zurück. Immer und immer wieder. Sie kaufen neue Stifte, bessere Farben, dickeres Papier, spitzere Meißel. Und dabei denken sie sich: Das ist genau das, was ich brauche um das zu erreichen was ich will. Und ich stehe hinter der Kasse und nicke ihnen zu. Ich sagen: Ja, das ist genau das was Du brauchst. Für das Gemälde, das Du planst, für die Skulptur.

Dabei weiß ich doch: Nein, nichts wird Dich retten. Stundenlang wirst Du versuchen das richtige Motiv zu finden. Tagelang versuchen es auf die Leinwand zu bringen. Wochenlang daran herumkorrigieren. Und selbst wenn Dir das gelingen sollte, was passiert dann damit? Es wird auf den Dachboden gestellt und landet ein paar Jahre später im Sperrmüll.

Der ganze Künstlerbedarf: Alles Schrott. Die Farben werden eintrocknen. Die Pinsel aushärten. Der Speckstein vielleicht als Deko in einer Vase landen.

Verstehe Sie: Ich verkaufe diesen Menschen Illusionen, Fata Morganas. Ich verdiene daran, dass sie scheitern. Das ihre Träume zerstört werden. Ich bin nicht besser als ein Drogendealer. Ich bin schlimmer! Denn was ich verkaufe bringt nicht einmal einen kurzen Rausch. Ich verkaufe Frustration in Tuben. Im Kunstladen kaufen die Menschen das Gift um ihre Träume zu ermorden.

Erst wenn ihre Träume endgültig gestorben sind. Wenn sie erkannt haben, dass sie Amateure sind, die niemals vor sich selber gerettet werden können, dann kommen sie nicht mehr zu mir. Solange verdiene ich an ihnen…

Verstehen Sie nun, warum mein Beruf so schrecklich ist? Ich bin der Mordgehilfe aller Menschen, die in meinen Laden kommen.“

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Eine Antwort zu Dort wo die Träume sterben

  1. federfluesterin schreibt:

    Vielleicht kommt es nicht so sehr auf das Endresultat an, sondern auf die Freude beim Erschaffen…;-)

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