Die Mailboxen unserer Freunde

Anonymous - The Telephone Exchange in London

Irgendwann hatte sich S. daran gewöhnt, dass sie ihre Freunde nicht mehr erreichen konnte: P. hatte sein Handy ständig stumm geschaltet, V. war immer im Ausland unterwegs, A. war immer auf einer anderen Leitung schon am quatschen, R. hatte ihre Telefonrechnung schon länger nicht mehr bezahlt und auch bei den meisten anderen, die S. anrief, ging immer nur die Mailbox ran. Natürlich traf S. den einen oder anderen einmal im Facebook-Chat, bei Whatsapp oder sogar persönlich. Aber immer wenn sie das Bedürfnis hatte, dass sie gerne einmal mit einem ihrer Freunde sprechen wollte, dann nahmen sie oder er – trotz Handy und theoretisch ständiger Erreichbarkeit – den Anruf nicht an.

Zuerst war S. dadurch ziemlich frustriert, aber dann entdeckte sie, dass sie eigentlich auch mit den Mailboxen sprechen konnten: P.s Mailbox war sehr nüchtern und S. rief sie gerne an, wenn sie laut über ein Problem nachdachte. K.s Mailbox war mit Musik unterlegt und S. rief sie gerne an, wenn sie sich beruhigen wollte. T.s Mailbox wiederum war ideal für längere Gespräche, da sie – aufgrund eines technischen Defektes – immer wieder mit dem Hinweis „Ihr Zeitlimit ist überschritten“ unterbrach, aber dennoch immer weiter aufzeichnete.

Erst nach und nach begannen ihre Gespräche mit den Mailboxen ihrer Freunde zu einem Problem zu werden. Als erste wollte V. wissen, warum S. mehr als ein Dutzend Nachrichten auf ihrer Mailbox hinterlassen hatte. Dann zeigte sich P. verwirrt, weil er S. Nachrichten einfach nicht verstand. Und schließlich war es A., die S. eines Abends vorwarf, dass sie nicht mehr bei klarem Verstand sei und S.s Nummer blockierte.

Vielleicht war es auch merkwürdig, als S. in einer Bar H. kennenlernte und ihn fragte: „Darf ich Deine Mailbox kennenlernen?“ H. war ihr ausgesprochen sympathisch erschienen und sie vermutete, dass er eine sehr angenehme Mailbox haben könnte.

H. verstand dies vollkommen falsch. S. wiederum hatte sich soviel Mut angetrunken, um ihn nach seiner Mailbox zu fragen, dass sie durch seine Reaktion zwar überrascht, aber nicht abgeneigt war.

Trotz ihrer Beziehung telefonieren H. und S. nicht miteinander. Allerdings kann man bemerken, wie sich H.s Gesicht aufhellt, wenn er feststellt, dass sie ihm eine Nachricht hinterlassen hat. Sie ruft sonst niemanden mehr an. In ihrem Freundeskreis ist nicht nur P. anzusehen, dass er neidisch ist und gerne wissen würde was S. auf H.s Mailbox hinterlassen hat.

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