Unsere Unterwelt

Ary Scheffer - Dante and Virgil Encountering the Shades of Francesca de Rimini and Paolo in the Underworld (Quelle: Wikimedia Commons)

Es fiel ihr zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem „Underside“ auf. Das „Underside“ war eine Bar gewesen, wo sie, ihre Freunde und viele ihrer Mitschüler sich während ihrer Schulzeit getroffen hatten. Später übernahm dann S., den sie peripher kannte, die Bar und führte sie weiter.

Aus einer Laune heraus hatte sie sich gefragt, ob es noch existierte und online danach gesucht. Was sie fand war verwirrend: Websites, die seit Jahren kein Update mehr gesehen hatten; Kommentare auf Bewertungsseiten, die aktuell erschienen, bis man sich deren Datum ansah. Nirgendwo war festzustellen, ob das „Underside“ noch in Betrieb war oder nicht.

Sie überlegte lange und sprach mehrfach darüber mit ihrem Freund. Er schlug ihr vor, dass sie doch einfach S. fragen sollte: War sie nicht mit ihm in die Schule gegangen? War er nicht eventuell sogar noch Besitzer des „Underside“?

Also begann sie online nach S. zu suchen. Wieder stieß sie auf Spuren: Zuerst ein Twitter-Account ohne Updates. Dann ein Fotostream aus einem längst vergangen Urlaub bei dem S. mit Freunden zusammen zu feiern schien; er grinste darauf betrunken in die Kamera. Dann fand sie über alte Freund seinen Facebook-Account. Zuerst dachte sie, dass alles normal sei und war drauf und dran, ihm eine Nachricht auf seine Pinnwand zu schreiben. Dann sah sie die digitalen Beileidsbekundungen. Sie ließen darauf schließen, dass er irgendwann vor 3 Jahren (die letzten Nachrichten des „Underside“ stammten aus derselben Zeit) gestorben sein mußte.

Sie sprach viel mit ihrem Freund darüber, der ihre Interesse an diesem Thema als merkwürdig empfand (andererseits war er damals nicht dabei gewesen). Eine Bekannte aus ihrer Schulzeit verriet ihr dann, dass S. Selbstmord begangen hatte; sie machte Andeutungen über den mangelnden Erfolg des „Underside“ und Schulden.

Zu diesem Zeitpunkt hätte ihr Interesse schwinden sollen, doch aus einem Grund, den sie nicht verstand, mußte sie ständig daran denken. Ihr fielen Hinweise auf das „Underside“ in den Gesprächen ihrer Freunde auf. S. wurde ihr von Facebook plötzlich als Freund vorgeschlagen. Und sie konnte sein Grinsen auf diesem Fotostream nicht vergessen. Es war also ob all dies irgendwie, irgendwo weiter lebte, als ob es sie verfolgte…

In einer Nacht schreckte sie aus dem Halbschlaf auf. Sie weckte ihren Freund: „Wir haben unsere eigene Unterwelt erschaffen.“

„Hmm…?“ murmelte er schlaftrunken.

„Wir haben im Internet unsere eigene Unterwelt geschaffen. Dort versammeln sich die Geister der Toten und verfolgen uns. Ein Ort der Bewußtlosigkeit, wo wir nur als Schatten existieren, umgeben von Abbilder, Fratzen und dem was einmal war. Ort und Zeit sind aufgehoben.“

Ihr Freund blinzelte sie in der Dunkelheit verwirrt an.

„Selbst wenn wir sterben. Dort leben wir weiter. Ob wir wollen oder nicht.“ Der Gedanke ließ sie erzittern.

„Isch pasch auffich auf…“ murmelte er und nahm sie in den Arm, bevor er seine Augen wieder schloß.

„Das Internet ist unsere digitale Unterwelt.“

„Hm-hm,“ grummelte er.

Sie wußte, dass er zu weit von ihr entfernt war. Er schwebte irgendwo zwischen den Träumen, vielleicht war dieser Moment an sich für ihn nur ein Traum an den er sich am nächsten Morgen nicht erinnern würde. Deswegen hatte es keinen Sinn mit ihm darüber zu sprechen, er würde sie nicht verstehen. Sie seufzte, schloß ebenfalls ihre Augen und glitt langsam dem Schlaf entgegen.

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