Helmut Kohl – Ein Nachruf

Albert Anker - A child's funeral (Quelle: Wikimedia Commons)

Ein Nachruf von unserem Redaktionsmitglied Harmadillo:
[Wir entschuldigen im voraus alle daraus entstehenden Kontroversen und verweisen an unseren Anwalt.]

Helmut Kohl, der ewige Kanzler ist gestorben. Jener Mann, dessen gewaltige Gestalt die 80er in der BRD zu einer bleiernen Zeit gemacht hat, bevor das Land im Tumult des DDR-Untergangs der kollektiven Amnesie erlag. Viele vergessen gerne, dass Kohl gerade dabei war einer Palastrevolution zum Opfer zu fallen, als die friedlichen Revolutionäre in der DDR die Honneckerdiktatur durch massenhaften zivilen Ungehorsam in die Knie zwangen.

Kohl ergriff die sich im bietende Chance umgehen und stieß die Vordenker und Akteure der Wende reihenweise von der Bühne, die er von nun an alleine für sich beanspruchte. So wurde er wiedergeboren als einer, der das Leichentuch jenes gescheiterterten kommunistischen Staates mal als Umhang eines Superhelden, mal als Toga nutzte und auf der Tabula Rasa der Geschichte die Projektionsfläche für Architekturmodelle mit blühenden Landschaften sah.

Nach der Wende durften dann die nun offiziell auch als Deutschland anerkannte andere Hälfte des Landes das Beharrungsvermögen dieses mächtigen Mannes bewundern, der sich von nun an zu höherem berufen sah und gewaltige Flugversuche unternahm, um nach der nationalen Einigung, gleich noch die Europäische hinterherzuschieben. Dabei kam ihm zugute, dass er weltweit als Vertreter einer deutschen Gemütlichkeitsdiplomatie betrachtet wurde, die immer das entspannte Zusammensein am Kamin einer wie auch immer gearteten Bühne und dem darauf stattfindenden Schauspiel gegenüber bevorzugte. Manch einen Diplomaten wog dies in überheblicher Unterschätzung, was Helmut Kohl als Führungsqualität angerechnet wurde.

Während die ehemalige DDR abgewickelt wurde, wie ein Mietshaus dessen Bewohner nicht vom Abriss informiert worden waren und die Welle der Euphorie nicht mehr als Schmerzmittel für die Vereinigungswehen herhalten konnte, war Kanzler Kohl missing in action. 1994 durfe er noch auf die Unfähigkeit seiner politischen Gegner setzen sich rechtzeitig aus Skandalen, daraus folgenden Rücktritten und wiederum daraus folgenden Machtkämpfen, zu befreien, doch vier Jahre später, als jedem klar gewesen sein sollte, dass niemand diesem Mann eine 20jährige Kanzleramtshegemonie gönnen wollte, war es dann vorbei.

Wenn Helmut Kohl gescheitert ist, dann nicht im Großen der Weltpolitik oder im Klein-Klein des politischen Alltags, sondern immer an den Erwartungen: Dem seiner Parteifreunde (1989), dem der Bevölkerung (1990-94) und dem seiner Bewunderer (2000). Was bleibt waren „Erinnerungen“ in denen seine Weggefährten selbst nach dem Amtsverlust noch vom Sockel zu stoßen versuchte. Doch man sollte nicht dem Irrglauben erliegen, dass die Erwartungen an ihn zu hoch gewesen wären. Als ein Mensch, dessen wichtigste Qualifikation es immer war, sich selber als historische Ausnahmefigur zu betrachten, hatte er niemals die Absicht irgendwelche Erwartung zu erfüllen.

Dennoch muß an dieser Stelle dennoch annerkannt werden: Helmut Kohl hat den Platz in der Geschichte erlangt, den er immer haben wollte. Und um aufzuzeigen, wer er wirklich war, muß man nichts anderes tun, als an die Wahrheit zu erinnern, das er ihm nicht alleine gebührt.

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